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Eilmeldung: Nelsons Sterbeplatz verlegt! [V_03]

Eilmeldung:
Nelsons Sterbeplatz verlegt!



Dies ist die unglaubliche Nachricht,
die uns von HMS VICTORY erreicht:

Abb. 1

Am 21. Juni 2008 fand auf dem Orlop des Schiffes eine bewegende Feier mit ausgewählten Teilnehmern statt. Durch diesen Akt wurde eine über 200 Jahre alte Tradition abrupt abgebrochen. Seit Nelsons Tod waren alle Besucher zu einer bestimmten Stelle auf der Backbordseite des Orlops, unter dem Unterdeckbalken Nr. 20, geführt worden, wo sie des berühmten Admirals gedachten.[1] Soweit wir zurückdenken können, wurde jedes Jahr am 21. Oktober, dem Jahrestag der Schlacht von Trafalgar, an jenem Platz, der bisher als Sterbeplatz galt, ein Kranz niedergelegt.
Seit der Schlacht bei Trafalgar ist dieser Platz Abertausenden von Besuchern gezeigt worden. Aus dem Jahr 1891 stammt der erste Beleg in Form einer Zeichnung in der Zeitschrift "The Engineer".[2]
Jetzt wird uns erzählt, dass "die derzeitige Stelle, die den Punkt markiert, an dem Nelson starb, sehr wahrscheinlich falsch ist".[3] Jetzt erwartet man von uns, dass wir akzeptieren, dass unser Wissen über Nelsons Sterbeplatz nicht mehr stimmt und am besten vergessen werden sollte.
Ab jetzt werden Besucher zu einer Stelle geführt, die etwa 3,7m (12 Fuß) weiter vorn in Richtung Bug liegt, unter dem Unterdeckbalken Nr. 18. Hier stehen sie vor einem neuen Gedenkstein, der ausdrücklich nicht nur Nelson gewidmet sein soll, sondern allen Männern, die auf dem Schiff gestorben sind.[4]


Was ist der Grund für diese drastischen Änderungen?

1999 interessierte sich Peter Goodwin, sogenannter Betreuer und Kurator (Keeper and Curator) der HMS VICTORY, besonders für die ganz offensichtlichen und seit langem bekannten Unterschiede zwischen der realen Struktur des Schiffes und dem Hintergrund des Gemäldes, das an Nelsons Sterbeplatz ausgestellt ist.
Goodwin veröffentlichte einen Artikel in "Mariner's Mirror" (Vol. 85, 1999), in dem er "bewies", dass Nelson "an Spantlinie (B)" starb, d.h. unter dem Unterdeckbalken Nr. 15, "neben der Trossenlast" (S. 282). Dann änderte er seine Meinung klammheimlich, denn auf Seite 286 "schlussfolgerte" er, dass es "etwa 1,5 - 1,8 m (5 to 6 feet) hinter der Trossenlast" war. Das würde uns unter den Balken Nr. 16 bringen.
Dieser Widerspruch störte Goodwin nicht. Starrsinnig verfolgte er 10 Jahre lang sein Projekt, Nelsons Sterbeplatz verlegen zu lassen.[5]
Peter Goodwin, dessen Name jetzt überall erscheint, beansprucht stolz, die nun vorgenommenen Änderungen angestoßen zu haben.[6]
Es gibt also keinen Zweifel daran, wer die ganze Sache zu verantworten hat.


Meine Bemerkungen dazu:

Peter Goodwins Geschichte ist schlichtweg völlig falsch.[7]
Das Ganze erinnert mich an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Wie es scheint, wagt niemand außer mir die Wahrheit zu sagen: Goodwin hält alle zum Narren. Sachverständige, Historische Gesellschaften, die britische Kriegsmarine und VICTORY-Liebhaber auf der ganzen Welt. Zukünftige Besucher werden für dumm verkauft, wenn man ihnen eine Stelle zeigt, an der Nelson nicht gestorben ist.

Nicht jeder, der sich für den Fall interessiert, ist gewillt, sich mit Einzelheiten zu befassen. Oder es fehlt ihm das nötige Fachwissen. Das ist aber gar nicht erforderlich. Alles was man braucht, ist logischer Verstand, um den größten von Goodwin gemachten Fehler zu finden. Er selber erwähnt dieses Problem überhaupt nicht. (Bewusst?)
Nehmen wir mal an, Nelson sei tatsächlich nicht an dem Platz gestorben, den wir alle kennen, sondern irgendwo anders auf dem Orlop. Dann wäre natürlich dieser Platz der "richtige". Wenn wir heute an einem "falschen" Platz stünden, müsste der "richtige" irgendwann zugunsten des "falschen" aufgegeben worden sein. Wann soll das geschehen sein? Und - noch wichtiger - warum? Die Zuständigen müssten schon gewichtige Gründe gehabt haben, wenn sie einen verehrten Platz verlegen wollten. Was sollte sie dazu bewogen haben, zu beschließen, den Besuchern einen "falschen" Platz zu zeigen?
Gehen Sie und fragen Sie Peter Goodwin!


Einige von Peter Goodwins Irrtümern im Einzelnen:

Hier ist ein Beispiel, eines von vielen, für Ungenauigkeit und Oberflächlichkeit: Goodwin nennt den Künstler fälschlich Arthur Devis, welches aber der Name des Vaters des Malers ist (1711-1787). Der besagte Maler ist Arthur William Devis (1762-1822). Dieser Fehler, den ein ernsthafter Historiker nicht gemacht hätte, taucht nun überall auf, verbreitet von Leuten, die auf Peter Goodwins Kompetenz vertraut und ihn ohne zu fragen kopiert haben.

Die Hauptquelle, auf die sich Goodwin bezieht, sind Skizzen und Gemälde von Arthur William Devis. Tatsächlich sind es drei Werke:
Erstens eine auf dem Orlop angefertigte skizzenhafte Federzeichnung, zweitens ein riesiges Ölgemälde "Nelsons Tod" (The Death of Nelson, heute im NMM) und drittens eine spätere, kleinere Kopie in Öl von letzterem, die heute auf dem Orlop steht. Alle drei unterscheiden sich voneinander. [8]
Ohne zu zögern benutzt Goodwin sie nach Belieben, wobei er herauspickt, was zu seiner Theorie zu passen scheint. Die Ankerkabel zum Beispiel, die eine Hauptrolle bei seiner "Beweisführung" spielen, sind nur auf der späteren, kleineren Kopie dargestellt, nicht aber auf den beiden ersten Werken. Goodwin hat diesen Widerspruch erkannt und weist sogar darauf hin, entscheidet sich aber dafür, dass Devis Kabel gemalt hat.

Egal. Bei näherer Untersuchung zeigen Devis' Werke mehrere Fehler, unrealistische Darstellung und eine Anordnung der Holzteile, die nicht mit der damals üblichen Bauweise übereinstimmt. Außerdem hat Devis seine eigene Skizze nicht exakt kopiert, als er das riesige Ölgemälde anfertigte. Die gemalte Schiffsstruktur ist nicht mehr als ein romantischer Hintergrund für eine theatralische Szene, entsprechend dem Geschmack der Zeit. Dieses Gemälde wurde gemacht, um den Tod eines Nationalhelden zu verherrlichen, nicht um die Realität zu zeigen. Als historische Quelle kann es deshalb nicht benutzt werden.

Peter Goodwins Theorie, die sich auf diese und andere unzuverlässige Quellen stützt, ist nicht bewiesen.


Was werden Besucher denken, wenn sie den neuen Platz mit dem Gemälde vergleichen? Dort gibt es noch weniger Übereinstimmung! Schlimmer noch: an dieser Stelle müsste Nelson unter einem gebogenen Deckbalken gelegen haben, der bei Devis nicht zu finden ist.


Schluss:

Ich möchte mit einem Zitat schließen. Es stammt aus einem Artikel über Alec Barlow, der am 7. Juni 2008 in "The Portsmouth News" zu lesen war:
    "Ich habe [1986] mit Peter Whitlock, dem früheren Kapitän der Victory, gesprochen, und er sagte es war dort 200 Jahre lang, jeder sagte es ist da, es ist nicht wert Geld dafür auszugeben, es irgendwo anders hinzumachen."
Ich hätte es nicht besser ausdrücken können ...


Ins Netz gegeben am
12. August 2008
Zuletzt überarbeitet am
3. Februar 2011

Anm. 1

Über die Zählung der Deckbalken finden Sie hier mehr.

Anm. 3

Von der Webseite des britischen Verteidigungsministeriums (Ministry of Defence)

Anm. 4

Dennoch stellt das Porträt auf dem Gedenkstein Nelson dar, und auch die Inschrift bezieht sich nur auf ihn.
Außerdem sollte man erwarten, dass eine Gedenkstätte für alle Opfer auf dem Ober- oder auf dem Vierteldeck errichtet wird, weil dort die meisten Männer getötet oder verwundet wurden.

Anm. 5

Zitat aus "The Portsmouth News" vom 29 Mai 2008: "... er hat 10 Jahre gebraucht um Marinefunktionäre davon zu überzeugen, dass sein Beweismaterial [? his evidence] richtig ist." Nun, da muss er wohl viel Zweifel und Widerstand begegnet sein!

Anm. 6

Wohl wissend, dass Alec Barlow der Erste war, der bereits 1986 über dieses Problem geschrieben hatte, präsentiert sich Peter Goodwin als der Erste und beraubt damit Alec Barlow seiner Verdienste. Solches Verhalten gilt bei Akademikern, Forschern und Entdeckern als höchst verachtenswert.

Anm. 7

Meine kurzgefasste Widerlegung in deutscher Sprache finden Sie hier. Von dort aus leitet ein Link auf meine ausführliche Gegenschrift, die ich aber nur in Englisch geschrieben habe.

Anm. 8

Außerdem gibt es eine Skizze in Öl auf Leinwand (94,6 x127,9 cm), von Devis ebenfalls auf dem Orlop angefertigt, die dem später ausgeführten Monumentalgemälde bereits sehr ähnlich ist. Sie wurde von Königin Victoria erworben und befindet sich noch heute in der "Königlichen Sammlung".
Goodwin erwähnt diese Quelle nicht und scheint sie nicht benutzt zu haben.