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Großmodelle der HMS VICTORY (1765) [V_05]

Großmodelle
der HMS VICTORY (1765)



Es ist allgemein bekannt, dass außer den zahlreichen Modellen der VICTORY im Maßstab 1:48, der bei der britischen Marine üblich war, auf der ganzen Welt unzählbare Modelle in beliebigen kleineren Maßstäben gebaut worden sind. Aber nur wenige wissen, dass auch größere "Brocken" bis hin zum Maßstab 1:1 angefertigt wurden. Ich will hier nicht ausführlich darüber schreiben, sondern nur eine Zusammenstellung der mir bekannten Modelle liefern, sie kurz beschreiben und Hinweise geben, wo weitere Informationen zu finden sind.

Neu ist allerdings die meines Wissens erstmalige Veröffentlichung von Fotos, die Nelsons VICTORY unter Segeln auf See zeigen.



1:24 (2004)

Das "Explosion - Museum of Naval Firepower" in Gosport auf einer Halbinsel gegenüber von Portsmouth [http://www.explosion.org.uk] zeigt ein prächtiges Modell der VICTORY mit Segeln.[1] Dargestellt ist das Schiff, wie es Ende des letzten Jahrhunderts aussah, also weitgehend so wie bei Trafalgar. Bei einem Maßstab von 1:24 ist es 4,40 m lang (über alles) und 150 kg schwer. Diese Größe ermöglicht die Darstellung vieler interessanter Einzelheiten. Rund 200 Mann der Besatzung beleben das Modell. (Der talentierte junge Modellbauer aus Deutschland möchte nicht genannt werden.)



1:10 ? (1941)

Durch die Zeitschrift "Model Shipwright" erfuhr ich von diesem Großmodell. In Nummer 98 (Dezember 1996, S. 3) stand eine kurze Notiz mit einem Schwarzweißfoto, das die Ankunft des Modells (ohne Masten) zeigte. Dazu hieß es:

"Ein 25ft (~ 7,60 m) langes[2] Viertonnenmodell der HMS Victory … ist jetzt im 'Historic Dockyard' in Chatham, Kent ausgestellt. 1941 wurde in Hollywood ein Film mit dem Titel 'Lady Hamilton' gedreht. Für die Schiffsszenen wurde ein Model gebaut, eine sorgfältige und getreue, voll getakelte Darstellung der Victory. …"

Da das Modell auf der Webseite des "Historic Dockyard" nicht zu finden ist, habe ich am 18. und am 31. Jan. 2011 per Epost angefragt und um Details und ein gutes Foto gebeten. Warten wir die Antwort ab, bevor wir spekulieren!



1:4 (1935)

Die Zeitschrift "Model Shipwright" berichtete in ihrer Nummer 16 (Juni 1976, S. 402-406) von dem vielleicht größten korrekten Modell, das je gebaut wurde. Als Folge einer Wette zwischen zwei Marineoffizieren entstand 1935 in Gosport ein (auf dem Unterdeck) rund 14 m langes Großmodell. Da die in Portsmouth im Dock 2 liegende VICTORY, im Zustand nach dem 1928 abgeschlossenen Rückbau, genau zum Vorbild genommen wurde, konnte mit diesem Großmodell praktisch bewiesen werden, dass die originale VICTORY zu Nelsons Zeiten tatsächlich ein ungewöhnlich gut segelndes Schiff gewesen war, was einer der Wettenden angezweifelt hatte.

Das Modell muss einen ergreifenden Eindruck gemacht haben, wenn es unter vollen Segeln über das Wasser rauschte. Die Illusion war nahezu perfekt.

15 Seeleute, bis auf den Steuermann (siehe Poopdeck auf dem zweiten Foto!) alle verborgen, bedienten das Modell. Die Illusion wurde abrupt beendet, sobald diese Männer aus ihren Verstecken auftauchten.

Der Artikel im "Model Shipwright" ist mit 13 Fotos versehen, aufgenommen von dem Offizier, der die Wette gewann. Die meisten zeigen das Großmodell in der Bauphase.
Außerdem "wurden damals von Zeitungen und Magazinen viele Fotos gemacht". (S. 404)

Die hier gezeigten Bilder sind Skänns von Fotokopien von anderen alten Schwarzweißfotos sehr guter Qualität, die vielleicht solche Pressefotos von 1935 sind. Peter Goodwin zeigte sie mir 1993 und ließ Fotokopien für mich anfertigen.[3]

Das Modell löste Begeisterung aus. Heute ist es verschwunden. Einem Leserbrief ("Model Shipwright", etwa vier Nummern später) ist zu entnehmen, dass das Modell während des Krieges unbeachtet in einem Becken im Werftbereich von Portsmouth gelegen habe und langsam verrottet sei. Bevor es ganz zerfiel, sei es etwa 1944 auseinandergenommen worden.



1:1 (1891)

1891 wurde auf der Königlichen Schiffahrtsausstellung in Chelsea ein Modell des Rumpfes der VICTORY gezeigt, welches, im Maßstab 1:1 gebaut, eine der Hauptattraktionen war.

Pieter van der Merwe hat über diese Ausstellung einen Artikel ("Views of the Royal Naval Exhibition, 1891") geschrieben, dem zahlreiche Schwarzweißfotos beigegeben sind. Er ist 2001 im Internet auf einer Webseite des „Journal for Maritime Research“ veröffentlicht worden. Alles, was ich über diese Ausstellung weiß, beruht auf diesem Artikel. Wer gut Englisch kann, sollte diesem Link folgen:
[Tut mir leid! Die Linkadresse funktioniert nicht mehr. Sie führt jetzt auf eine andere Seite. (Entdeckt im August 2012)]
Alle anderen Leser sollten es auch tun, wegen der Abbildungen. Wichtig für uns ist das Foto Nr. 10. (Auch Nr. 19 könnte interessant sein. Es zeigt das originale Vormarssegel der VICTORY im zerschossenen Zustand nach der Schlacht bei Trafalgar.) [Kann man alles vergessen! Der vorzügliche Artikel von van der Merwe ist für Internetnutzer verloren. Verfügbar ist nur noch meine Übersetzung im folgenden Absatz.]

Für weniger Sprachgelehrte übersetze ich den Bildtext, der leider nicht in Absätze unterteilt ist:

10. Der Victory-Nachbau[4] vom Bug aus gesehen, an der Backbordseite entlang. Gebaut wurde er von Campbell, Smith & Co. … Besucher gelangten durch die Eingangspforte auf das Mitteldeck und stiegen zum Unterdeck hinab, das an Backbord gefechtsbereit wie bei Trafalgar hergerichtet war, während an Steuerbord Hängematten und Tische authentisch arrangiert waren. Auf dem Orlop sahen sie John T. Tussauds Wachsfigurengruppe "Nelsons Tod", erstellt nach Devis' Gemälde "im Buckingham Palast" (das ist die in der Königlichen Sammlung befindliche große Skizze in Öl, angefertigt für das endgültige Werk in der Sammlung des Greenwich Hospitals[5], jetzt im NMM). … Es gab auch ein Büchlein "Geschichte der 'Victory'" von F. H. Miller, unter besonderer Berücksichtigung des Nachbaus, von dem 3.986 Exemplare verkauft wurden. Nach Schließung der Ausstellung wurde der Nachbau und vieles andere auf einer Auktion von einem Herrn Johnson gekauft. Er war Vertreter der Organisatoren der Insel-Man-Ausstellung, die im nächsten Jahr in Douglas stattfinden sollte. Der Nachbau hatte 6.000 £ gekostet, und es wurde geschätzt, dass es 4.500 £ kosten würde, ihn dort wieder aufzustellen. Johnson bekam ihn für 150 £, im Wettbieten gegen Feuerholzhändler. Auf dem Foto nicht zu sehen sind die Maststümpfe, die nur rund 3,60 m über das Deck ragten. Der Londoner Kreistag hatte verboten, ganze Untermasten mit Marsen und Wanten zu errichten. …

Auf den ersten Blick sieht das Chelsea-Großmodell, soweit man das auf dem Foto erkennen kann, wie jene VICTORY aus, die damals, also 1891, im Hafen von Portsmouth lag.[6] Es ist aber ganz offensichtlich, dass die Modellbauer das Schiff so darstellen wollten, wie es während der berühmten Schlacht ausgesehen hatte. Darauf deuten, unter anderem, Ankertaue aus Hanf statt Ankerketten hin. Auch die Wachsfigurengruppe auf dem Orlop ist ein klarer Hinweis auf diese Absicht. So wurde dieses Großmodell zu einem Mischmasch verschiedener Versionen von HMS VICTORY (1765).


Ins Netz gegeben am
2. Februar 2011
Zuletzt überarbeitet am
6. März 2011

Anm. 1

Auf der kürzlich neugestalteten Webseite des Museums ist das Modell nicht mehr zu finden, steht aber nach Auskunft des Hauses noch an seinem Platz in der Eingangshalle. (Übrigens, die Antwort auf meine diesbezügliche Anfrage per Ebrief kam schon am folgenden Tag. Kompliment!)

Anm. 2

Da nicht gesagt wird, wie die Länge gemessen wurde, lässt sich der Maßstab des Modells nicht mit Sicherheit angeben.

Anm. 3

Die Fotos waren in einem Album abgelegt, das in einem kleinen, verschlossenen Schrank lag, der an einer Trennwand in der Offiziersmesse der VICTORY angebracht war, nahe beim Büro des Kapitäns, in dem der Schlüssel verwahrt wurde.

Anm. 4

Nach meiner Definition ist dieses Model 1:1 kein Nachbau, weil es die Voraussetzungen dafür nicht erfüllt.

Anm. 5

Das "Greenwich Hospital" wurde 1869 geschlossen, erhielt eine andere Funktion und hieß seitdem "Royal Naval College".

Anm. 6

Davon sind Fotos erhalten. (Siehe z.B. McKay, Foto 3!)

Ich nenne diese Version die "Victorianische VICTORY", gestaltet entsprechend den Bedürfnissen und dem Geschmack der Zeit.